1 Augenzeugenberichte

gesammelt in meinem Blog „nit möööglich

Große Hände.

Er hatte selber gemachte Sandalen an, deren Sohlen aus den Laufflächen von Autoreifen waren – an den Füßen konnte man nicht vorbei riechen.

Das Oberteil der Sandalen war mit Schlitzschrauben von oben auf die sohlenförmig zugeschnittenen Autoreifenstücke geschraubt.

Sein Fahrrad zwei Meter weiter, Stoffbeutel dran, vor sich das Sperrholzschild, wo “Lyrik eines Landstreichers” draufstand.

Sein kleines Radio hat er mir gezeigt; es war klein wie ne Zigarettenschachtel und mit einem krummen, isolierten Drahtstück als Antenne, und er hat erzählt, dass er mit dem nachts, wenn er irgendwo in einem Heuschober liegt, gerne Neues aus der Wissenschaft und Forschung hört.

Zwischendurch immer mal Leute, die stehen blieben, von denen sich manchmal welche noch durchrangen, ihn auf ihre je besondere Weise nach dem Preis für die Blätter zu fragen. Da war alles im Fluss, und auch das, was wir sprachen, wurde nicht gestört, als er darauf antwortete: “Ein Geldstück”, “eine milde Gabe”, “ein paar Münzen” oder so ähnlich.

Wenn jemand fragte, wo er das her habe, sagte er: „Das hat mir der Wind erzählt.“   

Schöner geht’s nicht mehr.

So hat es mir mein alter Kumpel Thilo berichtet. Herzlichen Dank dafür!

Hier findet sich noch ein kleiner Bericht. Uwe Schade auf die Frage, wie er denn drauf gekommen wäre, das zu schreiben:

Ich hatte eine Vision. Den Text habe ich in einer Nacht aufgeschrieben, weder vorher noch nachher etwas anderes.

Hier ein weiterer interessanterBericht.

Weitere Berichte:

Kirti am 30. Juni 2012

An einem sonnigen Tag im Sommer 1992 schlenderte ich durch Hamburgs Innenstadt und hatte eine wundersame Begegnung. Mein Urlaub stand kurz bevor, und ich fühlte mich leicht und beschwingt. Die Zeit erschien mir wie ein einziger, gedehnter Augenblick – alle Dinge schienen auf innige Weise miteinander verwoben zu sein.

Mitten im Strom zielbewussten, geschäftigen Treibens saß ein weißhaariger, vollbärtiger, etwa 50-jähriger Bettler auf dem Gehsteig in der Sonne. Im Vorbeigehen erwog ich, ob ich dem Mann ein Almosen geben sollte oder nicht. Er war normal gekleidet – für einen „Bettler“ machte er einen ziemlich gepflegten Eindruck. Vor ihm auf dem Boden lagen einige Exemplare gehefteter Blätter mit der Aufschrift „Lyrik eines Landstreichers“. – „Merkwürdig…“, dachte ich, „dass ein Bettler sich selbst als Landstreicher bezeichnet…. Hat er womöglich einen gewissen Abstand zu der Rolle, die er spielt? Und dann spricht er nicht von „Gedichten“, sondern von „Lyrik“! Welches Schicksal mag wohl einen mit Lyrik vertrauten Menschen zum Bettler werden lassen?!”

Ich kehrte um und fragte ihn, ob ich ein Exemplar von ihm kaufen könne und was er dafür haben wolle. Er schaute mich freundlich-listig durch seine kleinen, runden Brillengläser mit wachem Ausdruck an und meinte nur: „Ach, vielleicht einen Taler.“

Auf den ersten Blick wirkte er unscheinbar, doch was er sagte, und wie er es ausdrückte, kam völlig unerwartet. Mir war auf einmal klar, dass hier kein irgendwie versponnener Typ saß, der sich ein wenig in der Zeit geirrt hatte und nostalgisch einem anderen Jahrhundert nachhing. Nein! Er strahlte etwas Zeitloses, Grenzenloses aus, das erst wenige Minuten später wie ein Blitz einschlug.

Jedenfalls schien er zu sagen, dass der Geldwert relativ sei und dass seine Gedichte nicht den Zweck erfüllten, einen armseligen Lebensunterhalt davon zu bestreiten. Sein Anliegen war ganz anderer Art!

Ich verabschiedete mich, und noch im Weitergehen schlug ich neugierig die erste Seite auf und las:

„Dein Schicksal überrascht Dich nicht,
denn Du bist Dein Schicksal.
Deine Begegnungen wundern Dich nicht,
denn Du bist nicht getrennt von ihnen.
Dein Tod schreckt Dich nicht,
denn Du bist tausendmal gestorben.“

Die Worte wirkten nicht wie auswendig gelernte Lebensweis-heiten, die ich schon in der einen oder anderen Form bei Lao Tzu oder Angelus Silesius gelesen hatte! Mir lief ein Schauer den Rücken herunter, und ich war wie elektrisiert! Ich musste an eine weiße Wolke denken, die frei von Ziel und Zweck mit jedem Windhauch mitgehen und sich im grenzenlos blauen Himmel auflösen kann. Eine unbeschreibliche Leichtigkeit und Freude trieb mir die Tränen in die Augen. Dort saß ein Mensch, der Weite und Offenheit ausstrahlte und ein absolutes Vertrauen in die Existenz zu haben schien. Hinter der unscheinbaren, äußeren Form verbarg sich eine bodenlose Kraft, die nicht durch Aggressivität wirkte, sondern durch die Abwesenheit eines getrennten Selbst. In Wirklichkeit war dort „Niemand“.

Zwei Jahre später saß er vor dem Alsterhaus, und ich war erfreut, ihn diesmal fragen zu können, wie er zu diesem Lebenswandel gekommen und was der Hintergrund dieser erleuchtenden Gedanken sei. Ich wollte ihm auch etwas Geld geben für die Kopien, die ich ohne sein Wissen gemacht hatte, um sie Freunden zu schenken. Er lehnte ab und sagte, ich sei frei, diese Gedanken, die niemandes Besitzrecht seien, weiterzugeben. Ich solle die einzelnen Abschnitte nur nicht aus dem Zusammenhang reißen. Er erzählte mir, dass er vor einigen Jahren auf einer Wanderung an einem See „zu leuchten anfing“, dass sogar die Tiere innehielten und ihn anschauten. Er hätte in drei aufeinander folgenden Nächten immer den gleichen Traum gehabt, in dem ein Lichtwesen ihn fragte, ob er das Leuchten besitzen oder nur davon Zeugnis ablegen wolle, und da habe er geantwortet: „Nur sagen…!“

Die rückhaltlose Demut und Bescheidenheit, die keinen Besitzanspruch auf „Erleuchtung“ erhebt, scheint zu dieser bedeutsamen Eingebung geführt zu haben, die für immer nachklingen wird….

Im Jahre 1998 ist „das Sprachrohr“ dieser Verse – wie ich inzwischen erfuhr – von einem Krankenpfleger in Schleswig bis zu seinem in letzter Hingabe angenommenen Tode begleitet worden.

Lieber Nitya, das hat mich auch ganz besonders gefreut, nach vielen Jahren an diesen wunderbaren Menschen erinnert zu werden: Sein Urvertrauen in das reine Sein hatte so eine bodenlose Kraft, die ich selten in einer Begegnung verspürt habe…

Ralf am 25. Juni 2013

Ich bin Uwe Schade Anfang der 80er Jahre einmal in Stuttgart und einmal in Tübingen begegnet.
Dieser Mann ist etwas ganz Besonderes.

Ralf am 5. August 2015

Immer wieder muss ich über meine Begegnung mit Uwe Schade nachdenken und das seit nunmehr über 30 Jahren … mit Worten ist es nicht zu fassen … gern wüsste ich mehr über sein Leben … ein Setzer, der vielleicht arbeitslos wurde und auf Wanderschaft ging … nach einer Eingebung in einer einzigen Nacht seine Verse verfasste und persönlich verbreitete … später das Geld eines Verlegers ablehnte …und in Schleswig starb … gibt es da nicht eine Stelle in seinen Texten: „Dein Sterben ist nur ein Wort“

Ludwig G. am 2. Januar 2014

Ich bin ihm selbst begegnet in Augsburg: er saß in der Fußgängerzone, schwarze hohe Schuhe zum Schnüren, schwarze Rollmütze, Hose und Jacke vermutlich grau, Schnauzbart – gepflegte Erscheinung. Wir haben uns bestimmt fast eine Stunde unterhalten, danach fühlte Ich mich sehr wohl und ruhig- ich habe ihn nie vergessen, obwohl bestimmt schon 20-30 Jahre vergangen sind.

Er überreichte mir seine Druckschrift und signierte Sie noch auf der Rückseite. Ich gab ihm 5 DM und obwohl ich selbst nicht viel besaß, hätte ich ihm gerne viel mehr gegeben. Ich hatte jedoch den Eindruck, dass es ihm nicht um das Geld alleine ging.

Nun bin ich selbst in dem Alter wie er damals und ich bin traurig darüber zu lesen, dass er 2009 verstorben ist. Ich wäre ihm gerne noch einmal begegnet.
Seine „Harmonie der Welt“ wird für mich immer verständlicher….

Eno am 3. Januar 2014

Ich bin ihm auch einmal begegnet, in der Fußgängerzone in Lüneburg, aber ich bin nur an ihm vorbei gelaufen. Meine Nachbarin hat ihm ein Exemplar seiner “Harmonie der Welt” abgekauft und mir später gezeigt oder sogar geschenkt, ich kann mich nicht mehr genau erinnern, es war glaube ich Ende der Achtziger, jedenfalls habe ich diesen Originaltext immer noch… Damals kam ich mir so verdammt dämlich vor, dass ich mir nicht angesehen habe, was der Mann da vor sich liegen hatte, obwohl ich was gespürt hatte als ich ihn sah, aber dennoch kam der Text zu mir und begleitet mich seit dem. Irgendwie taucht er immer wieder auf.
In gewisser Weise ist er ja immer noch da, als DAS was er ist, berührt immer noch durch diese Worte, die durch ihn geschrieben werden mussten…
Wie verrückt dies alles ist…

Michael Schade am 21.März 2014

Ich bin froh, dass ihr hier bereits wisst, dass mein Onkel vor einigen Jahren verstarb: an einer Blinddarmentzündung, die er nicht behandeln ließ – seiner Überzeugung gehorchend, dass er niemals in ein Krankenhaus gehen würde.

Nachdem ich 1976 (!) das tolle Erlebnis hatte, mit ihm drei Tage im Freien zu verbringen (ohne Zelt, Unterschlupf nur aus Naturmaterialien), habe ich ihn, wie ihr alle hier, nur noch per Zufall in diversen Städten in den Fußgängerzonen getroffen. Der EINZIGE, der den Kontakt zu ihm wenigstens im jährlichen Rhythmus halten konnte, ist mein Vater. Er war auch einer der wenigen Verwandten, die bei Uwes Begräbnis dabei waren.

Cattarei am 14. September 2015

Dieser Mann hat das Leben von so vielen Menschen berührt – ich bin ihm an einem regnerischen Tag vor etwa 15 Jahren in St Gallen begegnet und habe ein bisschen mit ihm geplaudert. Konnte ihn nie vergessen und hoffe, er konnte in Frieden sterben und nicht irgendwo allein und verlassen. Ein einmaliger Mensch.

 

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